Mittwoch, 12. August 2009

Meine Arbeit

Ich dachte schon ich wäre immun gegen alles, aber gerade hats mich leider doch erwischt. Am Wochenende gings Immanuel nicht gut und bei dem kleinen Raum auf dem wir zusammenhocken war es wohl unvermeidbar, dass es sich auf mich überträgt. Als ich mich dann vorgestern am frühen Abend mal zum joggen motivieren konnte (was bei der Hitze wohl doch gar nicht so die gute Idee war) hat das meinem Immunsystem wohl den Rest gegeben. Gestern war ich trotz Kopf- und Gliederschmerzen arbeiten, dafür gings mir dann nachmittags auch direkt doppelt dreckig. Gerade bin ich deshalb zu Hause und entspanne mich, was mir aber die Chance gibt in Ruhe einen Blogeintrag schreiben zu können.

Viele Leute fragen mich, was ich denn jetzt eigentlich genau hier machen würde. Ich habs glaub ich im ersten Blogeintrag mal angeschnitten, werds aber dann jetzt wohl noch etwas ausführlicher darlegen.

Ich arbeite bei einer NGO namens Akshay Pratishthan – das ist im großen und ganzen eine Schule, die aber gleichzeitig noch viele andere Bereiche umfasst. Ich hab mal einen Link zur Schule gepostet, aber wahrscheinlich klicken nur die allerwenigsten darauf, deswegen werde ich versuchen, meine Arbeiststelle noch mal in meinen eigenen Worten ein bisschen vorzustellen.


Zur Schule gehen hier arme Kinder, die sich die öffentlichen Schulen nicht leisten können (was zumeist bedeutet, dass sie schon richtig arm sind) und Kinder mit Behinderungen. Bei den Behinderungen muss man wiederum unterscheiden: Im Special Wing sind die eher geistig Behinderten Kinder wie slow learners, Kinderlähmung, Down-Syndrom, oder ähnliches; dann gibt es noch jede Menge körperlich behinderter Kinder, bei denen es sich vor allem um Fälle der Sehnenverkürzung handelt. Auf solche Behinderungen trifft man in Deutschland nur ganz selten, weil sie direkt nach der Geburt behandelt werden können. Hier würde der Preis für eine Behandlung etwa bei 8000 Rs., was ca. 150€ entspricht – die Familien können diese Summe aber einfach nicht aufbringen. Der Staat greift in solchen Fällen nicht ein, denn ein soziales Netz gibt es in Indien einfach gar nicht…
Die akademische Bildung wird hier ergänzt durch vocational training. Die Kinder können sich die Tätigkeit in Bereichen wie Bäckerei, Tischlerei, Kunsthandwerk, Schönheitspflege, Computer oder Ähnliches aussuchen, um so die Möglichkeit zu geben nach dem Schulabschluss einen Beruf in diesen Feldern zu ergreifen. Außerdem gibt es sportliche und kulturelle Aktivitäten, bei denen die behinderten Kinder integriert werden. Die NGO geht demnach viel weiter als nur Schulunterricht und es ist schwer die umfassenden Angebote in so einem kurzen Blogeintrag zu erläutern.
Nennenswert ist auf jeden Fall noch die eigene Medical Unit. Diese umfasst vier Bereiche: Physiotherapie, Healing Touch, Occupational Therapy und die Prosthetic & Orthotic Unit. Unter Physiotherapie kann sich denk ich jeder etwas vorstellen. Bei Healing Touch handelt es sich quasi um Krankenschwestern, wobei gelegentlich auch freiwillige Ärzte zu check-ups oder Behandlungen kommen. Occupational Therapy ist eine Mischung aus Physiotherapie und Konzentrationsübungen. Hier sollen die Leute mit Behinderungen lernen selbstständiger und mobiler zu werden. In der Prosthetic & Orthotic Unit werden Prothesen und Schienen (teilweise von den Schülern selbst) hergestellt und dann kostenlos zur Verfügung gestellt.
Bemerkenswert ist, dass dieses Angebot nicht nur den Schülern, sondern auch Patienten von außerhalb zur Verfügung steht, die sich eine öffentliche medizinische Behandlung nicht leisten können.

Ich persönlich arbeite im Moment vor allem am Computer und im Special Wing. Da es sich ja um eine NGO handelt, muss sie sich ja schließlich über Spenden finanzieren. Mit der Herstellung von zahlreichen annual reports der letzten vier Jahre, helfe ich im Bereich des fundraisings, indem neue Spender gewonnen bzw. die alten bei der Stange gehalten werden. Außerdem helfe ich beim Archivieren von Fotos und ähnlichem. Da meine Koordinatorin Mrs. Usha Varma am Ende dieses Monats leider die Schule verlassen wird, muss die Arbeit bis dahin fertig sein, weil ansonsten keiner mehr weiß, was wozu gehört.
Im Special Wing arbeite ich mit der jüngsten Gruppe von Kindern, die 5-10 Jahre alt sind. Hier male ich mit den Kindern, versuche ihnen das englische Alphabet, zählen und rechnen beizubringen oder bin einfach damit beschäftigt, sie ruhig zu halten. Problematisch ist, dass der Wissensstand bei jedem Kind unterschiedlich ist und dass sie eben nur dann Lernerfolge hat, wenn man einzeln mit ihnen zusammenarbeitet. Deswegen sind viele Kinder meistens zwangsläufig ohne Beschäftigung. Die Arbeit in diesem Bereich macht mir jedenfalls jede Menge Spaß!
Ab nächsten Monat soll ich wohl auch Englisch unterrichten, ob das was gesagt wird wirklich eintrifft, kann man in Indien aber nie so ganz sagen. Im Normalfall aber eigentlich nicht…

Überarbeiten tue ich mich jedenfalls nicht. Die Schule beginnt hier um 8:30 Uhr und endet um 14:00 Uhr. Dazwischen liegen für mich eine halbe Stunde Teepause und noch mal eine halbe Stunde Mittagspause. Und wenn man zwischendrin mal noch ne zusätzliche Pause macht, um sich mit irgendwem zu unterhalten, stört das hier auch niemanden. Manchmal haben Immanuel und ich ein schlechtes Gewissen und arbeiten dann freiwillig ein bisschen länger – am Computer kann man ja schließlich auch noch arbeiten, wenn die Kinder weg sind…

Gestern hatte ich meine erste Stunde offiziellen Hindiunterricht. Ich hatte auf einen strukturierten Unterricht gehofft, um die Sprache von Grund auf zu lernen, hatte aber gleichzeitig befürchtet, dass das wohl zu viel erwartet war. In meiner ersten Stunde sind wir jetzt die Namen von 25 Gemüsen und Früchten durchgegangen. Also das krieg ich auch alleine hin, dazu brauch ich keinen Lehrer. Vielleicht ist es noch zu früh, um eine Aussage über die Qualität des Unterrichts zu machen, aber wenn er so bleibt, werde ich wohl irgendwas ändern müssen.



Bild 1: Das Schulgebäude von außen



Bild 2: Die Jagriti Group im Special Wing



Bild 3: Affen auf dem Dach der Schulcafeteria. Den ganzen Tag lungern die da rum, aber sobald ich meine Kamera raushole rennen sie kreischend weg...


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